»Sie zeigen Ihre Liebe jetzt dadurch, wieviel Geld Sie für den Adventskalender ausgeben!«

Das Preisetikett als Liebesnachweis

Die komische Seite

Jan Böhmermann sagte es ziemlich klar: »Sie zeigen Ihre Liebe dadurch, wieviel Geld Sie ausgeben!« Es war eine nette Sendung – für Böhmermann`sche Verhältnisse vergleichsweise unpolitisch, dafür passend zur Vorweihnachtszeit: mit selbstgebastelten Adventskalendern, die er zum Kauf preisbot. Ein riesiger »Grüne-Paprika«-Kalender, hinter dessen 24 Kläppchen: naturbelassene Paprika, grüne und rote. Preis für das Gemüse-Ensemble, O-Ton Böhmerman: »...einige Tausend Euro«. Weiter gab es den »SPD«-Adventskalender mit Tränen von Willy Brandt und hinter 18 Türchen »einfach nur Leere«. Und als Highlight: den einige Quadratmeter großen »Adventskalender«-Adventskalender: hinter jedem der 24 Türchen: ein Adventskalender, wie man ihn heutzutage kaufen kann... Ein Salami-Adventskalender (»...da stirbt man als Schwein doch gleich nochmal lieber, wenn man weiß, man landet hier...«), ein Tomatensamen-Adventskalender, ein DDR-Süßigkeiten-Adventskalender, ein Fliegenfischen-Adventskalender, ein »Metall-statt-Schokolade«-Adventskalender mit Steckschlüssel-Werkzeug hinter den Türchen. Der »Adventskalender«-Adventskalender »... kostet 50.000 Euro«. Und Marktschreier Böhmermann preist ihn enthustiastisch und mit Unterhaltungswert an: »Sie zeigen Ihre Liebe in der Vorweihnachtszeit dadurch, wieviel Geld Sie für den Adventskalender ausgeben!«

Die existentielle Seite

Das Preisetikett als Liebesnachweis. Es ist in gewisser Hinsicht vielleicht, zumindest in unseren Breiten, eine Herausforderung beziehungsweise ein Dilemma des Spätkapitalismus und der »Profitmaximierungs-Klimax«. In Bezug auf weihnachtlichen Kauf- und Konsumrausch hat es seine komischen Seiten – in anderen Hinsichten weniger. Beispielsweise – und jetzt mache ich thematisch einen großen Schritt hin zu etwas Existentiellem – wenn es um »Tod und Abschied« geht. Ein Thema, mit dem viele von uns mehr und mehr zu tun haben. Wir sind, heißt es oftmals: eine alternde Gesellschaft. Wir verlieren Menschen durch Tod: die Eltern, Freunde, Partner, Geschwister. Das konfrontiert uns mit elementaren und oft schweren Fragen: Verlust, Trauer, Liebe, Schmerz. Und gleichzeitig damit, dass und wie diese Fragen verknüpft sind beziehungsweise werden mit ökonomischen Fragen. Ganz konkret lautet eine Devise, mit der Hinterbliebene – mehr oder weniger subtil, implizit oder ganz ausdrücklich – tragischerweise konfrontiert werden, überspitzt formuliert: Je mehr Geld Sie ausgeben, um beispielsweise Verlust und Trauer, Liebe und Schmerz zum Ausdruck zu bringen, desto tiefer und aufrichtiger sind Ihre Gefühle – desto größer Ihre Trauer, Ihr Verlust, Ihre Liebe, Ihr Schmerz. Anders gesagt: Pietät und Würde eines zeremoniellen Abschieds von einem Verstorbenen sind – das ist das Verkaufsargument – messbar am darin investierten Geld. Es ist ein Verkaufsargument, das vielleicht nirgends so, ich möchte sagen: »perfide«, funktioniert wie eben hier. Und in seinen Ursachen und in seinen Konsequenzen hat es unter anderem zu tun mit dem Wandel im Bestattungswesen.

Dieser Wandel hat viele Facetten. Teilweise waren es die Beben durch Digitalisierung und Globalisierung, wie sie auch viele andere Branchen erschütterten. Und teils waren es auch andere sozio-ökonomische Veränderungen. Ich zeichne zur Verdeutlichung zunächst einmal ein paar Entwicklungslinien nach. Und dann widme ich dem Aufmerksamkeit, worum es mir in diesem Artikel vor allem geht: Tod und Abschied aus der »ökonomischen Logik« herauszuholen.

Abschied – Bestattung

Eine Branche im Umbruch

Im 20. Jahrhundert ging es dem Bestattungswesen wirtschaftlich gut. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlten für einen Verstorbenen einige Tausend D-Mark Sterbegeld an die Hinterbliebenen – für die Bestattung und alles, was damit zu tun hatte. Das war eine Summe, mit denen die Bestattungsunternehmen auf alle Fälle rechnen konnten. Im Jahr 2003 nun lief diese gesetzliche Leistung aus. Sind keine anderen Kostenträger im Spiel – wie etwa die Unfallversicherung oder die Beamtenversorgung –, liegen sämtliche Verbindlichkeiten im Normalfall auf den Schultern der Hinterbliebenen beziehungsweise, genau gesagt: der bestattungspflichtigen Angehörigen. Erwartbare Kosten im mittleren vierstelligen Bereich, im Schnitt rund viertausend Euro. Eine Summe, von der mancher Angehöriger einige Zeit leben könnte. Da läge im Normalfall ein Blick auf die Kostenseite nahe. Und doch – wie schwer ist das! Auf die Ausgaben zu schauen – auf den Preis des Sarges, der Ausstattung, der Aufbahrung, der Zeremonie... Schließlich geht es um den endgültigen Abschied. Ist es da der Blick auf die Kosten tatsächlich angemessen?

Wenn ich mich nicht irre, wird Ihnen kaum ein Bestatter sagen: »Ja! Schauen Sie hin. Rechnen Sie! Lassen Sie uns gemeinsam überlegen: Was ist Ihr Budget? Und was sind Ihre Wünsche?« Ganz im Gegenteil – jedenfalls oftmals. (Wobei mir sehr klar ist – und das sei an dieser Stelle vehement unterstrichen: Im Bestattungswesen gibt es, wie in jeder Branche, »so’ne und solche«!) Ein Negativbeispiel ist mir in Erinnerung geblieben: Da entschied sich eine Familie für die Kremierung für einen Sarg, der nicht im Hochpreis-Segment, sondern darunter lag, und bekam eine versteckte Drohung zu hören: Man solle sich doch nur mal vorstellen, wie das auf andere wirke – dieser billige Sarg. Dass die Mitarbeiter vor der Kremierung davon Fotos machten und weitergäben, sei ja nicht ausgeschlossen... Diese Peinlichkeit wolle man sich und dem lieben Angehörigen doch sicherlich ersparen... Und ein anderes Beispiel: Hier erzählte ein Bestattungsunternehmer, intern: Er berechne für einen einfachen, lediglich für die Kremierung bestimmten Kiefernsarg, der im Einkauf Fünfzig koste, Fünfhundert, weil, so lautete tatsächlich die (interne) Begründung, man sonst davon nicht leben könne. Er müsse so kalkulieren, da er ja nur zwei Aufträge in der Woche bekomme und ansonsten nichts zu tun, aber Fixkosten habe, Büro, Personal, Überführungswagen und so weiter. So etwas ist, unternehmerisch betrachtet und in Wirtschaftssprache formuliert: ein Strukturdefizit, wie es kaum ein anderes Gewerbe dergestalt ungebrochen bis zum Endverbraucher durchreichen kann. Wenn es klappt, dann, weil: Die Kunden sind in einer Ausnahmesituation. Sie sind im Regelfall emotional tief involviert; Schmerz, Angst, Trauer, Erschütterung oder Schrecken und vielleicht auch Schuldgefühle oder anderes Belastendes steht oftmals im Vordergrund. Und dann bekommen sie vermittelt – subtil oder ganz ausdrücklich, direkt oder durch die Blume: »Sie zeigen Ihre Liebe dadurch, wieviel Geld Sie ausgeben!«

Das Bestattungswesen liegt im Einzugsbereich ökonomischer Verwertungslogik – und es ist hier wie auch sonstwo: Die Verhältnisse spitzen sich zu. Und nicht nur angesichts dessen möchte dieser Blog-Artikel helfen, Tod und Abschied aus der »ökonomischen Logik« herauszuholen. Er möchte unterstreichen: Am finanziellen Aufwand für eine Bestattung die Tiefe und Aufrichtigkeit von Gefühlen zu messen, mag noch so dringlich nahegelegt scheinen... Es ist eine Falle. Und dieser Artikel möchte mit konkreten Informationen helfen. Ans Herz lege ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, was es frei Haus gibt: Nehmen Sie sich Zeit, machen Sie sich kundig. Gestalten Sie den Abschied für sich und die Ihrigen stimmig!

Nehmen Sie sich Zeit! Machen Sie sich kundig! Gestalten Sie!

Bestattungs- und Friedhofspflicht

Es gibt einige Fakten, die den wenigsten Menschen tatsächlich bekannt sind – und die zu kennen im Zweifelsfalle gelegentlich hilfreich sein kann.

Grundsätzlich gilt: Es gibt in Deutschland die Bestattungs‑, die Totenfürsorge- und und die Friedhofspflicht. Verstorbene müssen bestattet werden, und dies hat innerhalb bestimmter Fristen und an einem dafür bestimmten Ort zu geschehen, klassischerweise etwa ein Friedhof oder ein Friedwald oder im Zuge einer Seebestattung oder Ähnlichem. Wenn jedoch Hinterbliebenen beispielsweise sinngemäß stets erklärt wird, es gebe in Deutschland die freie Bestatterwahl, nirgends sei vorgeschrieben, wen man zu beauftragen habe, wird damit implizit auch gesagt: zumindest überhaupt einen zu beauftragen, sei Vorschrift; tatsächlich stimmt das nicht. Es gibt in Deutschland, wie gesagt, die Bestattungs‑ und die Friedhofspflicht; nachkommen darf man dem in Eigenregie, sofern man gesetzlichen Anforderungen genügt. Anforderungen, die sich beispielsweise auf Aufbewahrung und Transport des Verstorbenen – des Sarges beziehungsweise der Urne – beziehen. Bis zu sechsunddreißig Stunden darf man den Verstorbenen etwa in Berlin in den eigenen Räumen behalten, dann ist er zu überführen, zum Friedhof oder zunächst zum Krematorium, und dieser Transport darf im Normalfall – wie später dann ggf. auch der Transport der Urne – nur auf bestimmte Art und Weise geschehen. Der Leichnam ist in einem Sarg, der Sarg beziehungsweise die Urne ist in einem Bestattungsfahrzeug zu überführen; früher waren die Bestatter beispielsweise in erster Linie Schreiner, oder, gerade hier in der Stadt, Fuhrleute; für den Transport braucht es ein Überführungsunternehmen beziehungsweise einen entsprechendem Fahrdienst. Alles weitere dürfen Hinterbliebene im Normalfall grundsätzlich selbst erledigen; es besteht aus Organisation und Bürokratie, Überlegungen und Entscheidungen – formaler und auch anderer Art: Todesbescheinigung, Leichenschaupapiere, Terminabsprachen mit Friedhofsamt und gegebenenfalls Krematorium, Standesamtbesuch zwecks Ausstellung der Sterbeurkunde und so weiter, dann die Überlegungen zu möglichen Wünschen in Sachen Trauergedenken, Trauerfeier und so weiter. Das alles ist in Eigenregie möglich und war früher teils so auch üblicher und wurde oftmals als tröstlich empfunden.

Trost, Halt, Gemeinschaft, Sinnstiftung: das gute Abschiedsritual

Das Thema, das sich hier anschließt, ist: Rituale. Oder auch: Zeremonien. Die Trost spenden, Halt geben, verbinden. Beispielsweise Rituale und Zeremonien religiöser Art. Jahrhundertelang war es selbstverständlich, dass beim Abschied vom Verstorbenen Pfarrer und Kirche einbezogen wurden. Heute ist das nicht mehr unbedingt so. Trost, Halt, Gemeinschaft und Sinnstiftung im institutionalisierten Christentum zu finden, ist nicht mehr selbstverständlich, zumindest nicht mehr für meine Generation. Zwar geht man vielleicht gelegentlich noch Weihnachten in die Christmette, weil es sich so nett anfühlt und irgendwie dazugehört, vor allem, wenn man Kinder hat. Doch wenn es um tiefgreifendem Sinn und Halt in Symbolik, Ritual und Zeremonie geht – da sind wir oftmals auf der Suche, mehr oder weniger. Und das dürfen wir auch. Wir dürfen suchen. Wir dürfen fragen. Wir dürfen darüber nachdenken, wie wir den Abschied so gestalten, dass es für uns und den verstorbenen Menschen stimmig ist. Wozu ich ermutige, ist genau das: Schauen Sie, was Ihnen an ritueller, zeremonieller Gestaltung gut tun kann. Was Ihnen Trost, Halt, Gemeinschaft und Sinnstiftung geben kann. Das kann, beispielsweise, eine ganz einfache Abschiedszeremonie sein.

Entscheidend ist: Sie und die Ihrigen empfinden den Abschied als gut und stimmig. Am finanziellen Aufwand für die Bestattung die Tiefe und Aufrichtigkeit von Gefühlen zu messen, ist ein fataler Irrtum. Sitzen Sie ihm nicht auf.

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