...ganz schnell verschwunden – beispielsweise, wenn wir mit lautem Getöse verkünden, »uns in Achtsamkeit zu üben«.


Achtsamkeit

Achtsamkeit, Präsenz, Wertschätzung ... Es gibt Worte und Begriffe, die heute so häufig ins Spiel gebracht werden, dass es auf Inflation hinausläuft. Und doch sind sie wichtig – eigentlich unverzicht- und unersetzbar.

»Achtsamkeit« beispielsweise: ein inflationär gebrauchter Begriff – für etwas ganz Wesentliches. In der Arbeit ist sie gewissermaßen ein Pol eines Spannungsfeldes – quasi eine Art Gegenstück zur von mir favorisierten Hypnose-Methode. Und privat, im Alltag... Da ist es jetzt nicht etwa so, dass ich sie unentwegt praktizieren würde – ganz im Gegenteil. Leider. Insofern fungiert dieser Blogartikel vor allem auch als eine Mahnung an meine eigene Adresse.

Was heißt »Achtsamkeit«? Wir bezeichnen mit diesem Wort einen bestimmten Zustand, in dem wir uns befinden (können). Eine Form der Aufmerksamkeit. Wir sind auf eine bestimmte Art und Weise geistesgegenwärtig. Wir nehmen uns selbst und unsere Umwelt auf eine bestimmte Art wahr. Man könnte diese Art des Wahrnehmens beispielsweise, unter anderem, beschreiben als: wach und unbefangen. So nehmen wir also unseren Körper wahr, unser inneres Erleben mit den Gefühlen und allem Übrigen – und unser direktes Umfeld: die Situation, die Menschen, die Interaktion. Achtsamkeit ist, nochmal anders gesagt: eine Form sehr aufmerksamen, ganz direkten, unmittelbaren Zugegenseins. Und diese Aufmerksamkeit gilt eben, wie gesagt, sowohl uns selbst – etwa aufkommenden Emotionen, Vorstellungen oder Gedanken – als auch allem um uns herum: dem Menschen, der uns gegenübersteht, der Situation und so weiter. Was Achtsamkeit als »Aufmerksamkeitsmodus« auszeichnet, ist: Wir nehmen wahr, ohne zu bewerten.

Im Englischen heißt dieser Zustand: Mindfulness.

Es ist ein interessanter Zustand: Er kann Türen öffnen zu ganz neuen Erfahrungen, mit uns selbst und mit anderen Menschen. In östlichen Traditionen und Kulturen – beispielsweise im Buddhismus, im Yoga, und der Meditation – spielt dieser Zustand seit jeher eine Schlüsselrolle. Und in den letzten Jahrzehnten ist er – nicht nur dank dessen – auch bei uns »angekommen«. Wir üben uns in Achtsamkeit, besuchen Seminare und Kurse – vom »Achtsamen Atmen« über das »Achtsame Essen« bis zum »Achtsamen Yoga« –, und es gibt die vielfältigsten dezidierten Unterstützungs-, Coaching- und Therapieformen: »Mindfulness-Based Stress Reduction«, »Mindfulness Based Cognitive Therapy«, »Mindfulness Based Therapy« und viele mehr. All das ist großartig. Und gleichzeitig ist auch etwas anderes wichtig:

Da gibt es beispielsweise diese Situationen, Veranstaltungen und Ähnliches, da steht in ganz großen Lettern »Achtsamkeit« drauf. Da wird »Achtsamkeit« gepriesen und angepriesen und soll vielleicht beispielsweise unterrichtet oder sonstwie vermittelt werden. Und da ist dann realiter ganz etwas anderes los: Da ist dann faktisch der Achtsamkeitslehrer oder die Achtsamkeitslehrerin vor Beginn des Kurses oder Seminars oder in den Pausen ganz besonders laut und rücksichtslos: schwingt tönende Reden über die Relevanz von Achtsamkeit – und ist es nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil. Hört niemandem wirklich zu außer sich selbst – schenkt niemand anderem Raum oder gar Aufmerksamkeit. Ist im Grunde vermutlich unter allen Anwesenden der Unachtsamste. So geht Achtsamkeit nicht. Wenn sie so »gelehrt« wird, lernen wir sie nicht. Im Gegenteil. Achtsamkeit lernen wir im konkreten Umgang damit. Beispielsweise im Zusammensein mit wirklich, authentisch, achtsamen Menschen. Quasi: durch Osmose. Durch alles, was uns Lust macht, sie schlicht und ergreifend selbst zu praktizieren. Im ganz normalen Alltag. Wo wir arbeiten oder mit Freunden zusammen sind. Im Auto sitzen oder auf dem Fahrrad oder in der S-Bahn; Bahnen im Schwimmbad ziehen oder joggen; lesen, kochen, essen, Musik machen, chillen. Achtsamkeit ist im Grundsatz etwas ganz Kleines, Zartes, Unauffälliges – und Scheues. Sie ist ganz schnell verschwunden – beispielsweise, wenn wir mit lautem Getöse ankündigen, »uns in Achtsamkeit zu üben«.

Achtsamkeit ist etwas Unmittelbares, Wahrhaftiges und in gewisser Hinsicht vielleicht: Rückhaltloses. Und gleichzeitig ist sie eben so zart und fein wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Und genau wie dieser kann sie, in dieser Zartheit und Feinheit, etwas bewirken: Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings kann sie »einen Unterschied machen, der einen Unterschied macht«.


Impressum


Impressum: www.adele-gerdes.de/kontakt-impressum.html


Startseite


Zurück zur Startseite: www.adele-gerdes.de






Noch keine Kommentare

Die Kommentarfunktion wurde vom Besitzer dieses Blogs in diesem Eintrag deaktiviert.